Post für Sie

Ihr Lieben alle!

84(!) Glückwunsch-Annoncen zur Einschulung waren im August 2025 in der Rhein-Pfalz abgedruckt. Dieser Trend war bisher völlig an mir vorbei gegangen!
Warum schreiben Eltern, Großeltern, Paten, erwachsene Freunde für ein sechsjähriges Kind in die Zeitung, dass sie es lieb haben, ihm nette Lehrer*innen, Erfolg und viele Freunde wünschen? Es kann noch gar nicht lesen! Das Medium Zeitung ist für das Kind im Alltag nicht wichtig. Es muss von den Annoncen-Aufgeber*innen darauf aufmerksam gemacht werden, dass etwas für das Kind in der Zeitung steht – wollen wir wirklich unsere Kinder lehren, dass das, was in der Zeitung veröffentlicht wird, wichtiger, ernster, bedeutsamer ist als das, was wir uns persönlich zeigen und sagen?

Massiv Besorgnis regt sich in mir, wenn ich lese, was da alles gewünscht wird: Dass das Kind sich seine Sterne vom Himmel holt, dass es hoffentlich einen Lehrer/eine Lehrerin findet, die sein offenes Wesen schätzt, dass es viele Freunde findet, dass ihm alles gelingt … Das sind Wünsche, die nur Erwachsene mit Lebenserfahrung verstehen können! Bis auf den Wunsch, dass es viele Freunde finden soll. Was damit gemeint ist, kann sich ein sechsjähriges Kind vorstellen. Doch diesen Wunsch zweifle ich in seinem Wert an: Warum sollen wir Kindern das Bild vorgeben, dass „viele Freunde haben“ etwas Gutes ist. Ich kenne Menschen, darunter auch Kinder, die mit einem oder zwei Freunden vollkommen zufrieden sind.

Und was die vom Himmel zu holenden Sterne angeht oder die Idee, dass alles gelingen möge, da empfinde ich schmerzlich, wie Kinder in die Irre geführt werden. Menschliches Leben ist nicht wertvoller, wenn alles gelingt oder wenn unmögliches möglich wird. Jedes Leben ist wertvoll und zu achten. Auch das ganz normale, ohne Superlative! Außerdem: Wir brauchen Grenzerfahrungen, um zu wachsen und uns weiterzuentwickeln!

Image

Wenn ich an mich und meine Einschulung zurück denke, dann war mir das Wort „Erfolg“ fremd und wenn mir jemand viele Freunde gewünscht hätte, hätte ich gesagt: Ich habe schon genug. Ich hatte nicht die Idee, dass meine Einschulung auf meine Freundschaft mit jüngeren Kindern im Kindergarten Einfluss haben könnte oder dass ich sie sogar mit der Zeit verliere. Und rückblickend fühle ich mich auch nicht betrogen, dass mir das keiner erklärt hat. Im Gegenteil: Ich erinnere sehr gern wie lustvoll und vertrauend ich zwischen Papa und Mama in die Aula unserer Pfarrer-Bechtel-Grundschule gegangen bin und aufgeregt glücklich wusste: Jetzt werde ich Schulkind!

Es ist keine phantasierte Befürchtung, sondern das, was ich oft erlebe: Kinder hätten sehr viel mehr Selbstvertrauen, Phantasie und Mut, wenn Erwachsene ihnen nicht immer wieder – angeblich vorbeugend – Zusammenhänge erklären würden, die sie überfordern! Durch Hinweise und Warnungen – und auch durch gut gemeinte Wünsche! – werden in Kindern so viele Zweifel, Zögerlichkeiten, Ängste … geweckt oder genährt, die wir ihnen leicht ersparen können! Und: Wenn es wirklich so kommt, dass ein Kind schmerzliches erfährt, dann sind sie ja DA, die Eltern, Großeltern, Paten …, die es lieb haben!

Diese Liebe ist ganz entscheidend für jedes Kind, existentiell wichtig! Denn sie vermittelt dem Kind das unersetzliche Gefühl der Sicherheit! Mit der Erfahrung dieser Liebe ist es entspannt und folgt vertraulich seiner Lebenslust und Neugier. So kann wahr werden, was für das Kind wirklich wichtig ist! Aber nicht durch liebgemeinte Wünsche in Zeitungs-Annoncen.

Lassen wir den Kindern, denen wir begegnen ihre eigenen Bilder … und ihren eigenen Weg. Bitte.

Herzliche Grüße schickt Ihnen
Elisabeth Johannsen
Hambach, im Juli 2026